Das KiD Konzept

Gesellschaftliche Ausgangslage und Umfang des Problems

Gewalt gegen Kinder ist kein gesellschaftliches Tabuthema mehr. Das ist ein großer Fortschritt, bedeutet aber in der Konsequenz auch, dass wir eine adäquate Antwort darauf geben und etwas tun müssen. Denn die betroffenen Kinder bekommen noch zu selten die angemessene und notwendige Hilfe und Unterstützung.

Differenzierte Studien gehen davon aus, dass jedes achte bis zehnte Kind von erheblicher Gewalterfahrung betroffen ist. Neben der Bekämpfung der multiplen Risikofaktoren und konkreten Ursachen (z. B. eigene, unbearbeitete Gewalterfahrungen in den elterlichen Biographien, psychische Erkrankungen der Eltern, soziale und wirtschaftliche Notlagen oder allgemein die Spirale der Gewalt) geht es um die Diagnostik und die (Weiter-) Entwicklung adäquater Hilfen. Speziell diesen Aspekten widmen wir uns.

Kinder, die Opfer von sexueller, emotionaler und körperlicher Gewalt oder von Vernachlässigung geworden sind, machen sich aus vielerlei Gründen häufig zunächst nicht oder nur indirekt bemerkbar, werden oft zu spät erkannt und finden dadurch wenig Unterstützung und Abhilfe in ihrem Leid. Fehlt rasche Hilfe, werden sie auffällig, entwickeln Symptome oder werden sogar schwerwiegend psychisch krank. Sie kommen spät und oftmals rein aufgrund ihrer Symptome in Kontakt mit der Jugendhilfe oder dem Gesundheitssystem. Die Ursachen ihrer Probleme sind nicht immer offensichtlich, sodass die angebotenen Hilfen nicht spezifisch genug sind oder sogar an der eigentlichen Ursache vorbeiarbeiten.

Viele dieser Maßnahmen werden abgebrochen. Laut Bundesstatistik und Auswertungen anderer Institute zum Thema Wirkungsfragen liegt die Abbruchquote von Hilfen zur Erziehung durch die beteiligten Sorgeberechtigten, Kinder und Jugendlichen je nach Kommune im Durchschnitt bei insgesamt 30 bis 40 % aller Hilfen. Diese Abbrüche sind meist von nachfolgend intensiveren Maßnahmen und damit noch höheren Kosten begleitet, sofern die betroffenen Kinder und Jugendlichen nicht zu Hause verbleiben können.

Unsere langjährigen Erfahrungen wie auch die Studie von Prof. Dr. Kathinka Beckmann zeigen, dass gewaltgeschädigte und traumatisierte Kinder oft auf eine regelrechte Odyssee durch ambulante und stationäre Maßnahmen geschickt werden. Häufig kann nicht adäquat auf die Bedürfnisse der Kinder eingegangen werden, sie werden gar nicht erst verstanden oder der Zugang erfolgt rein reglementierend-erzieherisch und symptomreduzierend. Diese Kinder brauchen jedoch spezifische Bedingungen, unter denen es ihnen möglich ist, über ihre Not zu sprechen, sich mitzuteilen, in ihrer Not verstanden zu werden und sich selber in ihrer Symptomatik verstehen zu lernen. Nur so kann ihnen angemessene Hilfe angeboten und können sie in entsprechend geeignete weiterführende Maßnahmen vermittelt werden.

Neben dem enormen seelischen Leid für die Kinder entstehen der Gesellschaft erhebliche Kosten, sowohl im Gesundheits- wie auch im Sozialwesen, etwa durch die oft notwendige spezielle Beschulung, durch Schulabbrüche, kriminelle Laufbahnen, Behandlung bei etwaigem Drogenmissbrauch etc. Diese Kosten können dadurch erheblich reduziert werden, wenn die Kinder möglichst früh in adäquate Diagnostikverfahren eingebunden werden. So wird der tatsächliche Hilfebedarf ermittelt bzw. vermittelt. KiD mit seinem psychodynamischen Verständnis und seinem Anspruch von interdisziplinärer Zusammenarbeit bietet eine Möglichkeit, hierauf einzuwirken und Hilfen zu etablieren, die von großer Nachhaltigkeit sind.

Bisherige Lösungsansätze und Unterschiede zur Arbeit nach dem KiD-Konzept

Da das Thema schon seit Jahren zunehmend enttabuisiert worden ist und in den Fokus gerückt ist, existieren verschiedene Angebote für betroffene Kinder, die jedoch zu selten nachhaltig genug arbeiten können. Vorhandene ambulante Angebote zur Diagnostik, Beratung und Therapie reichen oft nicht aus, u.a. da die Kinder weiter in ihrem gewaltgeprägten Umfeld leben und so möglicherweise auch während der Diagnostik weiterhin Loyalitätskonflikten in Richtung ihrer Familie, eventuellen expliziten Schweigegeboten oder Bedrohungen und grundsätzlich dem Fortwirken der familieninternen Dynamik etc. ausgesetzt sind. Vorhandene stationäre Diagnostikmöglichkeiten arbeiten häufig allgemeiner (etwa im Sinne eines Clearingangebots bei allgemein unklarer Bedarfslage) oder sind eher im Gesundheitssystem angesiedelt, beispielsweise im Rahmen der kinder- und jugendpsychiatrischen Versorgung etc.

Es gibt nach wie vor keine Einrichtungen (öffentliche wie auch solche in freier Trägerschaft) in Deutschland, die ein derart ausgerichtetes und umfassendes Diagnostikangebot anbieten, wie KiD es tut. Die langjährigen Erfahrungen aus der Arbeit im KiD Düsseldorf haben eine ebenso differenzierte wie umfassende Vorgehensweise entstehen lassen. Hieraus wollen wir eine übergreifende Strategie für KiD Kind in Diagnostik ableiten und in anderen Regionen etablieren. KiD Kind in Diagnostik zeichnet aus, dass Diagnostik, pädagogischer Alltag und stabilisierende Therapie unter einem Dach stattfinden. Die Schwierigkeiten der Kinder, die Verhaltensauffälligkeiten, psychosomatischen Beschwerden etc. werden als Symptome verstanden, die die Sprache der Kinder sind. Konkret werden die Kinder für einen erfahrungsbasierten Zeitraum von ca. sechs Monaten in der Krisen- und Diagnostikgruppe aufgenommen. Während dieser Zeit arbeitet ein sehr erfahrenes, multiprofessionelles Team aus Therapeuten und Pädagogen daran, einen möglichst umfassenden, differenzierten Blick auf die Situation des jeweiligen Kindes und dessen Familie zu gewinnen.

So gelingt es, ein psychodynamisches Verständnis des Kindes wie auch der Familie zu entwickeln und hieraus Perspektiven abzuleiten. Das Team arbeitet mit dem klaren Auftrag herauszufinden, ob das Kind Gewalt erlebt hat und wenn ja, in welchem Kontext diese Gewalt stattgefunden hat, wer der Verursacher bzw. Schädiger ist und welche Schädigung das Kind davongetragen hat. Unser Konzept zeichnet aus, dass wir dabei fünf Säulen der Diagnostik (Psychodiagnostik, Traumadiagnostik, Anamnese, diagnostische Beobachtungen im Gruppenalltag und therapeutischer Prozess) kombinieren.

Wir arbeiten mit dem Kind ebenso wie mit der Familie oder anderen wichtigen Bezugspersonen, erleben auch die Beziehung bei Besuchskontakten etc. und erstellen am Ende eine umfassende Empfehlung für das Kind nebst einer Einschätzung hinsichtlich Rückführungsmöglichkeiten oder Notwendigkeiten weiterer Unterbringung, etwa im Sinne von spezifisch zugeschnittenen Nachfolgemaßnahmen.

Unsere Ziele

  • Die bundesweite Verbesserung der Qualität von diagnostischen Verfahren und der Versorgung gewaltgeschädigter Kinder durch den Aufbau weiterer KiD-Häuser und ihre fortlaufende Zertifizierung
  • Unterbrechung der Spirale der Gewalt bei den Betroffenen und Erhöhung der Lebensqualität
  • Finanzielle Entlastungen im Gesundheits- und Sozialwesen
  • Effektiver Ausbau von Helfer-Netzwerken vor Ort mit Hilfe der KiD-Häuser
  • Verbindung von Praxis, Wissenschaft und Lehre durch Fortbildung, Weiterbildung und Entwicklung neuer Curricula für bestehende Ausbildungs- und Studiengänge

Vision und Zielgruppen

Unsere Vision umfasst mindestens eine Einrichtung in jedem Bundesland, die dem KiD-Konzept folgt und deren Mitarbeiter ein entsprechendes Verständnis, eine Haltung zum Kind und seiner Familie und zur gesamten Problematik entwickelt haben, die ein konstruktives Miteinander möglich macht. Dies ist nötig, um traumatisierte Kinder und auch deren Eltern in ihrer Psychodynamik besser zu verstehen, sodass effektive Veränderungsprozesse in Gang gesetzt bzw. angestoßen werden können. Nur wer z.B. nachvollziehen kann, warum ein Kind eher den sexuellen Missbrauch innerhalb der Familie aushält, anstatt darüber zu reden bzw. sich Hilfe zu holen, findet Zugänge zu dieser speziellen Klientel. Wenn ein Verständnis für die Symptome entwickelt und deren Sinn erkannt wird, besteht die Chance, wirklich und nachhaltig etwas zu verändern.

Durch die Etablierung weiterer KiD-Häuser sowie durch Fortbildungen und Hochschullehre vermittelt KiD eine spezifische, hoch professionelle Haltung und Methode im Umgang mit gewaltgeschädigten Kindern und ihren Familien / Bezugssystemen.

Das Leid der Kinder wird entsprechend verkürzt, die Familien erhalten entsprechende Unterstützung und die Jugendhilfelandschaft kann sich hinsichtlich der Belange dieser Kinder weiterentwickeln. Zielgruppen unserer Arbeit sind die Kinder selbst und ihre Familien, darüber hinaus alle am Prozess beteiligten Personen und Institutionen, wie zum Beispiel Jugendamtsmitarbeiter, Richter, Polizei etc. sowie alle weiteren in den Kinderschutz involvierten Fachkräfte und Mitarbeiter aus der Jugendhilfe und dem Gesundheitswesen.

EINZUSETZENDE RESSOURCEN BEI ZEHN PLÄTZEN

Bisher erzielter Impact … „Kern-Impact“

  • 27 JAHRE ERFAHRUNG mit kontinuierlicher konzeptioneller Weiterentwicklung
  • HILFE FÜR FAST 800 KINDER und ihre Familien
  • 2 KID HÄUSER und 2 Diagnostik- und Therapiezentren mit Ursprung im KiD-Konzept
  • Finanzielle und fachliche Nachhaltigkeit der KiD Häuser
  • Qualitative und quantitative Wirkungen durch die derzeit größte Wirkungsstudie bzgl. gewaltgeschädigter Kinder in der Jugendhilfe in Deutschland im Bereich Jugendhilfe nachgewiesen

Sie wünschen differenzierte Hintergrundinformationen zu den qualitativen und quantitativen Wirkungen der KiD Arbeit oder zu der KiD-Verlaufsstudie? Hier finden Sie weitere Details!

Zusätzlich bisher erzielter Impact… „Train the trainer…!“

  • Kooperation mit > 150 VON INSGESAMT 586 Jugendämtern
  • 125 STUDENTEN (Masterstudiengang, HS Koblenz)
  • 1500 – 1900 PÄDAGOGEN in Fortbildungen
  • Fachkonferenzen und Kongresse

Anzahl der nach dem KiD-Konzept betreuten Kinder im Detail

  • Im KiD Düsseldorf: seit 1994 ca. 650 Kinder exklusiv nach dem KiD-Konzept (sowie weitere in div. Kooperationsstrukturen; Stand 12/2020)
  • In Hannover: von 2009 bis 2020 ca. 110 Kinder (Stand 12/2020)
  • In Hamburg: von September 2014 bis März 2017 insgesamt ca. 25 Kinder
  • In Berlin: seit der Eröffnung im Oktober 2019 13 Kinder (Stand: 12/2020)

Qualitative Wirkungen

Die Wirkungen bzw. die Ergebnisse der Arbeit lassen sich daran messen, welche diagnostischen Erkenntnisse gewonnen wurden und wie die weitere Entwicklung eines gewaltgeschädigten Kindes im Anschluss verläuft. Zudem ist aufschlussreich, wie die Zusammenarbeit mit Kind und Familie sowie mit anderen Behörden und Einrichtungen verlaufen ist.

Die Qualität des Umgangs mit gewaltgeschädigten Kindern und ihren Familien hat sich im Raum Düsseldorf in den letzten Jahren erheblich verbessert, u.a. auch durch KiD und die durch uns durchgeführten Diagnostiken sowie Fortbildungen. Rückmeldungen zu weiteren Verläufen zeigen uns, dass sich die Situation dieser Kinder oftmals deutlich verbessern lässt, dass sie eine möglichst gute, konstruktive gesamtpsychische Entwicklung machen können, wenn sie in geeignete Maßnahmen oder in ein geeignetes Setting vermittelt werden können oder bei einer Rückführung die gesamte Familie hinreichend spezifische und adäquate Unterstützung erhält. Die eingangs erläuterten individuellen wie gesamtgesellschaftlichen weiteren Folgen lassen sich hierdurch deutlich abmildern bis verhindern.

Quantitative Wirkungen

Jedes Kind, das den Abbruch einer einzelnen Jugendhilfemaßnahme (wegen fehlender Passung der Maßnahme, Überforderung etc.) hinter sich hat und nicht zu Hause bleiben kann, erlebt nicht nur erhebliches persönliches Leid, sondern verursacht zudem mehr Kosten, da es im Zweifelsfall schwieriger wird und entsprechend ein höherer Hilfebedarf entsteht. Die notwendigen Folgemaßnahmen werden immer spezialisierter und damit kostenintensiver. Eine gute Diagnostik ermöglicht jedoch eine bessere Anpassung der Nachfolgemaßnahme an die Bedürfnisse des Kindes.

Auf der Grundlage der Ergebnisse der KiD Verlaufsstudie von Frau Prof. Dr. Kathinka Beckmann ist deutlich zu erkennen, dass eine gute Diagnostik neben den individuellen auch gesamtgesellschaftliche Vorteile haben kann. Die individuelle Wirkung (Verkürzung oder Minderung des Leidens etc.) wird somit durch eine zusätzliche gesellschaftliche Wirkung verstärkt. Die entstehenden Kosten bei einer differenzierten Diagnostik und einer adäquaten Folgebetreuung sind geringer als im kontrastierenden Fall. Hinzu kommen umgekehrt bei einem negativen Verlauf ggf. noch weitere Folgekosten (z.B. durch sich entwickelnde Kriminalität, fehlende Eingliederungsmöglichkeiten auf dem regulären Arbeitsmarkt, Folgebehandlungen im Gesundheitssystem oder frühe Inanspruchnahme des Rentensystems etc.).

Aus der Sicht des Jugendamts, so Peter Lukasczyk, sind Diagnostik und diagnostisches Verstehen wesentliche Erfolgsvoraussetzungen für gelingende und steuerungsunterstützende Hilfeprozesse bei den Hilfen zur Erziehung grundsätzlich und insbesondere in den Fällen, in denen Gewalt und Missbrauch als Ursache der Gefährdung anzunehmen sind.

Diagnostik ist im Jugendhilfekontext keine Verordnung, die idealtypisch ausschließlich durch einen Anbieter durchgeführt werden sollte, sondern fußt wünschenswerterweise auf einer eigenständigen sozialpädagogischen Diagnostik, die auf Seiten des öffentlichen Trägers (Jugendamt) erstellt wird. Dies ist in der Regel eine Aufgabe des Allgemeinen Sozialen Dienstes (ASD), der durch dieses erste „Fallverstehen“ unter Zuhilfenahme verschiedener Methoden die Aufmerksamkeitsrichtung definiert.

Durch das Zusammenwirken beider Sichtweisen (ASD und Anbieter) und in der Beziehung zueinander wird aus Diagnostik die Grundlage für ein nachhaltiges Anschlusssystem, welches die dann nachfolgend tätigen Professionellen in die Lage versetzt, wirkungsvolle Settings zu entwickeln und umzusetzen.

Sollte diese wünschenswerte Voraussetzung nicht vorliegen, stellen die diagnostischen Aussagen und Hinweise auf Folgehilfen durch den Jugendhilfeträger KiD Kind in Diagnostik gGmbH wesentliche Grundlagen für die weitere Hilfeplanung im Rahmen des Verfahrens nach § 36 SGB VIII dar. Die gute Zusammenarbeit zwischen öffentlichem Träger und der Diagnostikeinrichtung führt zu einem gemeinsamen „Fallverstehen“ und in Folge zu einem gemeinsamen Qualifizierungsprozess im Interesse der nachhaltigen positiven Entwicklung der anvertrauten Kinder.

„… und es rechnet sich doch!“

Effekte von Jugendhilfemaßnahmen im Kontext kommunaler Finanzierung (Prof. Dr. Kathinka Beckmann)

Die Profession Soziale Arbeit ist seit Jahren wachsenden Legitimationsanfragen im Kontext ihrer Wirtschaftlichkeit ausgesetzt; im Bereich der Kinder- und Jugendhilfe ist der Effizienzgedanke mit der Einführung des §78a-g SGB VIII im Jahr 1999 gesetzlich forciert worden. Vielerorts hat die damit verbundene Budgetierung zu enormem Druck auf die fallführenden Mitarbeiter der Allgemeinen Sozialen Dienste der Jugendämter geführt, die nun fachlich bedarfsgerechte und oft kostenintensive Maßnahmen gegen Sparvorgaben durchkämpfen müssen. Hier kann sich eine „Kommunikation in Zahlen“, also der Verweis auf eine langfristige Kostenersparnis für die Kommune, als sehr hilfreich erweisen.

Die KID-Verlaufsstudie, die inzwischen fast 500 Werdegänge von Kindern mittels umfassender Aktenanalyse sowie aufwändiger Rekonstruktion der Fallverläufe über einen Zeitraum von 18 Jahren analysiert hat, liefert Argumentationshilfen dafür, dass bedarfsgerechte kostenintensive Maßnahmen nicht zwangsläufig im Widerspruch zu einer langfristigen Kostenersparnis stehen.

Ende 2020 wird voraussichtlich das Buch zur nunmehr 3 Kohorten und insgesamt fast 500 Fälle umfassenden KiD-Verlaufsstudie im Buchhandel erscheinen. Hierin wird das umfangreiche Datenmaterial aus 3 Perspektiven analysiert:

  • Wirksamkeit von Jugendhilfemaßnahmen in Abhängigkeit kommunaler Haushaltslagen,
  • zusätzlich zur ohnehin erlebten Kindeswohlgefährdung einwirkende Risikofaktoren sowie
  • sexuell übergriffige Geschwisterkinder im Kontext von Strafjustiz und Jugendhilfe.

Fearon und Hoeffler

Das britisch-amerikanische Wissenschaftlerduo Anke Hoeffler und James Fearon (Oxford und Stanford) hat sich in einer groß angelegten Studie mit den wirtschaftlichen Kosten beschäftigt, die durch kollektive wie interpersonelle Gewalt entstehen. Sie stellten fest, dass die wirtschaftlichen Schäden in Folge von verschiedenen Gewaltformen um ein Vielfaches höher sind als die durch Terror oder Kriege, und resümierten, dass die Formen von Gewalt, die für die Gesellschaft am teuersten sind, am wenigsten Aufmerksamkeit erhalten. Kindesmisshandlung und sexuelle Gewalt an Kindern machen dabei alleine 4,253% des weltweiten Bruttoinlandsprodukts aus.

Evaluation und Qualitätssicherung

Durch die ursprüngliche Doktorarbeit von Frau Prof. Dr. Kathinka Beckmann existierten bereits Querschnittdaten hinsichtlich der Wirkungen der Diagnostikergebnisse von KiD auf Jugendämter bzw. den weiteren Werdegang von Kindern. Diese KiD-Studie entwickelte sich in den Folgejahren immer weiter.  Die Entwicklung der Kinder soll über einen Zeitraum von z.B. zwanzig oder mehr Jahren beobachtet werden. So möchten wir sowohl weitere Erkenntnisse über die Lebensläufe dieser Kinder und die Folgewirkungen unserer Arbeit gewinnen als auch unsere Maßnahmen daran ausgerichtet fortlaufend weiterentwickeln. Die Studie von Frau Prof. Dr. Beckmann wurde mit Stiftungsgeldern weitergeführt; die zweite Phase konnte im Frühjahr 2014 abgeschlossen und in Buchform veröffentlicht werden. Die dritte Kohorte wurde 2019 untersucht. Ende 2020 ist die Veröffentlichung aller bisherigen Ergebnisse unter Hinzunahme weiterer fachlicher Perspektiven geplant.

Ebenfalls Ende 2020 steht ein umfassendes Qualitätshandbuch für den Betrieb eines KiD-Hauses zu Verfügung. Neben grundsätzlichen Fragestellungen rund um den Bereich der Strukturqualität werden die wesentlichen Kernprozesse beschrieben und die Standards zur Erhebung der Ergebnisqualität festgelegt.

Zur Erlangung des Qualitätssiegels der KiD gGmbH wird nach der Implementierungsphase nach zirka anderthalb Jahren eine Primär-Auditierung durchgeführt. Alle 2 Jahre erfolgt eine Re-Zertifizierung.

Zudem sind weitere qualitätssichernde Maßnahmen notwendig

  • Damit die Kinder in ihren Symptomen wirklich verstanden werden können und ein angemessener Umgang damit möglich wird, müssen die Aufsichtsbehörden an die besonderen Erfordernisse einer solchen Einrichtung herangeführt werden.
  • Wir streben neben der Zertifizierung der KiD-Häuser auch allgemein eine Zertifizierung der Diagnostik und Versorgung traumatisierter Kinder an.
  • Mittels der Einrichtung eines fachlichen Beirats wollen wir uns durchgehend auf dem neuesten Stand der Forschung den jeweiligen Herausforderungen stellen und die so gewonnenen Erkenntnisse wiederum in unser QM-System implementieren. Die Qualitäts-Verbesserungen und Erkenntnisse werden dann wiederum an die einzelnen Standorte weitergegeben.

Chancen

  • Eigenständige, sich selbst tragende Finanzierung der KiD-Häuser durch den Entgeltsatz nach der konzeptuell vorgesehenen ca. zwei- bis vierjährigen anfänglichen Unterstützungsphase
  • Umfassende Unterstützung seitens KiD Kind in Diagnostik in Form von Personalauswahl, Teamentwicklung, Supervision, Coaching, Krisenintervention, Rechtsberatung sowie Fort- und Weiterbildung von Mitarbeitern
  • Anbieten eines differenzierten Konzepts auf der Grundlage langjähriger Erfahrungen und neuester Entwicklungen, Informationen und Ergebnisse aus Forschung und Praxis
  • Kontinuierliche Steigerung und Weiterentwicklung von Qualität und Effektivität in der Arbeit durch Kommunikations-/Austauschmöglichkeiten sowie gemeinsame Fort- und Weiterbildungen für die Mitarbeiter der KiD-Häuser
  • Zusätzliche Unterstützung der KiD-Häuser durch Aufbau eines regionalen, langfristigen Sponsorings
  • Grundsätzliche Haltungsänderung im Umgang mit schwierigen und/oder traumatisierten Kindern und Jugendlichen für den Träger insgesamt, z.B. durch teamübergreifende Fortbildungen

Risiken und Besonderheiten

  • Notwendigkeit der Träger, sich auf dieses herausfordernde Klientel einzulassen, was Einiges an Wissen sowie hohen Aufwand erfordert
  • Notwendigkeit der Träger, die aufwendige Betreuung der Kinder zu gewährleisten
  • Berücksichtigung und Einbezug des ggf. hohen Verleugnungspotentials der Familien
  • Der individuelle Entgeltsatz eines KiD-Hauses entspricht dem eines Platzes in einer Inobhutnahmeeinrichtung oder einer hochintensiven pädagogischen Einzelmaßnahme

Geschäftsmodell

Die Wahl des Geschäftsmodells einer „Gemeinnützigen GmbH“ ergibt sich aus der Notwendigkeit, Spenden von Privatleuten, Firmen, Unternehmen sowie Stiftungen zu akquirieren, damit KiD Kind in Diagnostik die KiD-Häuser vor Ort unterstützen kann, ohne dass den jeweiligen Betreibern der Häuser zusätzliche Kosten entstehen, die gerade in der Anfangsphase eine hohe Belastung des Etats darstellen. Haben sich die Einrichtungen nach circa drei Jahren etabliert, entstehen den jeweiligen Betreibern nur noch Lizenzkosten; somit können sie weiter von den beschriebenen Angeboten profitieren.

Selbstverständlich können auch diese Beiträge über Spenden refinanziert werden, die entweder vom Träger selbst akquiriert werden oder in der Zusammenarbeit mit KiD Kind in Diagnostik ermöglicht werden. Nach derzeitigem Erfahrungsstand benötigt jeder neu zu etablierende Standort eine Anschubfinanzierung von ca. 150.000 Euro verteilt auf ca. drei Jahre.

Träger ist die gemeinnützige GmbH KiD Kind in Diagnostik, die seit Frühjahr 2015 existiert. Die gGmbH wird durch zwei Geschäftsführer (Claus Gollmann und Peter Lukasczyk) und eine Projektleitung (Vera Morawetz) vertreten.

Zusätzlich werden weitere professionelle Mitarbeiter, die das KiD-Konzept bereits kennen, für uns tätig werden und freiberuflich die konkrete Arbeit vor Ort unterstützen.

Rechtsform und Gemeinnützigkeit

Die KiD, Kind in Diagnostik gGmbH wurde am 24.03.2015 durch die Gesellschafter Herr Claus Gollmann und Herr Peter Lukasczyk gegründet. Als Unternehmenssitz wurde die Stadt Köln gewählt. Die Eintragung im Handelsregister erfolgte am 28.04.2015 und wird beim Amtsgericht Köln unter dem Aktenzeichen HBR 84233 geführt.

Am 16.07.2015 erteilte das Finanzamt Köln-Mitte den Feststellungsbescheid zur Gemeinnützigkeit. Das Unternehmen führt die Steuernummer 215/5870/2264.

Anerkennung als Träger der freien Jugendhilfe gemäß § 75 SGB VIII mit Beschluss des Jugendhilfeausschusses der Stadt Köln erteilt.

Unsere Kinder…

Das Leben der bei uns untergebrachten Kinder ist meist in einem Ausmaß belastet, das für Außenstehende kaum vorstellbar ist. Die Erwachsenen, mit denen diese Kinder aufwachsen, sind selbst meist biografisch extrem belastet, in ihrer Situation dann hilflos, überfordert und nicht in der Lage, sich auf die Bedürfnisse von Kindern einzustellen.

Daraus entstehen für die Kinder vielfältige Formen von Vernachlässigung, Bedrohung, Übergriffen, Abwertung und massiver Gewalt. Immer wieder sind auch wir entsetzt, welches Ausmaß diese Gewalt unter Umständen hat. Gleichzeitig sind wir voller Bewunderung, wie stark der Lebenswille der Kinder ist, um unter derart schrecklichen Bedingungen zu überleben.

In ihrer Not entwickeln die Kinder Symptome und Auffälligkeiten. Dies ist meist ihre einzige Möglichkeit, sich mitzuteilen und auf ihre Lage aufmerksam zu machen. Es braucht dann aber auch Menschen, die diese ggf. sehr unbequemen Signale (Aggressionen, eigene sexuelle Übergriffigkeit, Aufsässigkeit, tiefe Traurigkeit u.a.) erst einmal als Hilferufe wahrnehmen und verstehen. Die Kinder müssen oft jahrelang auf ihre Not aufmerksam machen, bis das zuständige Jugendamt davon erfährt und dann eine Diagnostik in Auftrag gibt.

Unsere Aufgabe ist es dann, die Kinder und ihre Familien in ihrem Leid zu begleiten, zu verstehen, wie es zu Vernachlässigung, Gewalt etc. gekommen ist, und schließlich Empfehlungen zu geben, welche Schritte notwendig sind, damit das Kind sich erholen und gesund (weiter-)entwickeln kann. Um diese sehr komplexe Situation zu verdeutlichen, schildern wir im Folgenden zwei anonymisierte Beispiele.

Thea

Im Fall der siebenjährigen Thea war das Jugendamt ursprünglich um Amtshilfe bei einem Polizeieinsatz im Zuge der Verhaftung des Kindsvaters gebeten worden. Während der Enttarnung eines Internet-Kinderpornorings hatten sich fotographische Beweise für einen sexuellen Missbrauch durch den Vater an Thea ergeben. Nach der Inhaftierung des Vaters hatte das Jugendamt eine ambulante Hilfe für Mutter und Tochter installiert. Theas Mutter konnte jedoch die Vorwürfe gegen ihren Mann nicht glauben. Sie wirkte zudem selbst hoch belastet. Als dann deutlich wurde, dass Thea unter einem Schweigegebot stand, nahm das Jugendamt Thea in Obhut und brachte sie zur stationären Diagnostik im KiD unter.

Hier fiel sie zunächst vor allem dadurch auf, dass sie in vielen Situationen kompetent, angepasst, vermeintlich unauffällig und regelrecht „brav“ wirkte…

Thea zeigte zudem ihr hohes kognitives Potential und eine ausausgeprägte Alltagsklugheit. Auch die Schule hatte vor Theas Inobhutnahme nichts bemerkt und sie für ein fröhliches und lernfreudiges, wenn auch ab und zu abwesend wirkendes Mädchen gehalten.

In den folgenden Wochen veränderte sich Thea jedoch. Sie war und fühlte sich jetzt in Sicherheit und begann, „auffälliger“ zu werden. Damit gab sie uns zu verstehen, dass ihre vorherige Unauffälligkeit bereits ein Symptom gewesen war. Durch Verdrängung und Abspaltung unerträglicher Gedanken und Gefühle, durch ihr Funktionieren, ihre immensen Bemühungen, ein unauffälliges, angepasstes Mädchen zu sein, hatte sie lange Zeit das Schreckliche vor sich und anderen verborgen und psychisch überlebt. Welche Folgen eine solche Anpassung hat, zeigte Thea nach und nach in der Diagnostik. Sie begann einzunässen und einzukoten, sie litt unter heftigen Alpträumen. Sie klagte über körperliche Beschwerden wie Kopf- oder Bauchschmerzen, obwohl die medizinischen Untersuchen ergaben, dass sie körperlich gesund war. Thea begann zudem, Mitarbeiter und andere Kinder verbal zu provozieren und zu manipulieren. Und immer noch versuchte sie eine möglichst unauffällige Fassade aufrecht zu erhalten. Oberflächlich betrachtet konnte sie immer noch unbelastet und fröhlich wirken. Erst in der Zusammenschau aller diagnostischen Eindrücke und Beobachtungen wurde ersichtlich, dass Thea sich ihre scheinbare Unauffälligkeit wie eine Art Tarnmantel umlegte. Dahinter wurde jedoch die verletzte, einsame und innerlich leere Thea immer sieht- und spürbarer. Immer deutlicher wurde der desolate psychische Gesamtzustand, in dem sie sich befand.

In den Diagnostikterminen verstummte Thea sofort, wenn man sie nach ihrer Familie oder nach der Vergangenheit fragte. Sie schwieg dann lange und wirkte wie gelähmt. Das traumatische Erleben schien in Thea völlig abgekapselt und auch für sie selbst kaum erreichbar zu sein, sodass es lediglich in Gestalt der totalen physischen und psychischen Erstarrung an die Oberfläche trat. Sobald die Vergangenheit jedoch verlassen wurde, zeigte sich in rigoroser Abspaltung des Traumaerlebens dann unvermittelt ein fast unbelastet wirkendes Mädchen. Zu aktuellen Themen war Thea präzise orientiert und erzählte mit klarer Stimme vom Alltag in der Gruppe, berichtete zum Beispiel von ihren Kontakten zu Kindern im KiD und von den jeweiligen Pädagogen. Zeitgleich äußerte sie klar, dass es gut sei, im KiD zu sein, und zeigte sich geradezu entlastet und froh. Sie äußerte, dass sie weder Vater noch Mutter vermissen würde. Völlig affektlos meinte sie, dass es aber in Ordnung sei, wenn die Mutter sie gelegentlich besuchen würde.

Im weiteren Verlauf der Diagnostik wurde deutlich, dass Thea vor der Vorstellung zu fliehen versuchte, dass die Mutter sehr wohl wissen könnte, was sie (Thea) mit dem Vater erlebt hatte, welche Rolle die Mutter gehabt hatte, warum diese subjektiv nichts hatte merken und sie nicht hatte schützen können.

Theas Mutter nahm die angebotenen Gespräche im KiD wahr. Hier wurde immer wieder das immense Ausmaß ihrer eigenen Belastung deutlich. In ihrem Redefluss nahm sie zunächst vordringlich Bezug zu ihrer eigenen Situation und konnte kaum ihre Tochter in den Blick nehmen. Deutlich wurde, dass sie selbst in einer hoch problematischen, emotional eher unterversorgenden Familiensituation mit einem sehr strengen und gewalttätigen Vater und einer Grenzen und Rollen verwischenden Mutter aufgewachsen war. Diese hatte das Mädchen eher als Freundin denn als Tochter gesehen und so deren eigene Wahrnehmung und Intuition verzerrt. Die innigste Zuneigung hatte die Kindsmutter von ihrem älteren Bruder erhalten. Dessen allmähliche Grenzüberschreitungen und schlussendliche sexuelle Übergriffe konnte sie zunächst als solche kaum erkennen, seine Handlungen weder den Eltern offenbaren noch die Beziehung zu ihm aufgeben, da sie über ihn zugleich auch die meiste emotionale Zuwendung erhielt.

Theas Vater berichtete in Gesprächen in der JVA über seine von Alkoholismus und physischer Gewalt geprägte Kindheit mit einem hoch aggressiven und gewalttätig-übergriffigen Vater sowie einer hilflos und emotional gleichgültig erscheinenden Mutter. In diesem Zusammenhang beschrieb er sein Nähe suchendes und dabei sexuell übergriffig agierendes Verhalten in Richtung seiner Cousinen. Sein missbräuchliches Verhalten gegenüber seiner Tochter Thea empfand er als „sein Recht“ und nicht als übergriffig, obwohl er es gegenüber seiner Frau sehr wohl strategisch zu verheimlichen bemüht gewesen war.

In weiteren Gesprächen mit Theas Mutter wurde im Laufe der Diagnostik immer deutlicher, dass sie sehr wohl in der Vergangenheit ungute Gefühle und offene Fragen hinsichtlich des Verhaltens ihres Mannes in Versorgungs- und Spielsituationen mit Thea gehabt hatte. Diese hatte sie jedoch aufgrund ihrer eigenen Unsicherheit gleich wieder geleugnet und verdrängt. Da Thea in der Wahrnehmung der Mutter gegenüber dem Vater zudem gleichbleibend zugewandt und fröhlich gewirkt hatte, war diese zusätzlich beruhigt gewesen. Thea war jedoch zu diesem Zeitpunkt bereits in dem Dilemma gefangen, Loyalität und Harmonie zu wahren und nicht zuletzt ihre Versorgung weiter sicherzustellen etc. In der Diagnostik mit dem Mädchen war nach und nach deutlich geworden, dass sie die Mutter nicht nur als nicht sehend und nicht schützend erlebt hatte, sondern darüber hinaus auch als wenig versorgend. Für Thea war der Vater emotional viel bedeutender gewesen. Er hatte Thea missbraucht und gleichzeitig aber auch viel Zeit mit ihr verbracht und sich um sie gekümmert. So war die Bindung zwischen seiner Tochter und ihm tatsächlich enger als zwischen Thea und der Mutter.

Theas Mutter konnte in unserer intensiven Beratung erkennen, welche Bedeutung ihr Nicht Schützen und ihre fehlende emotionale Präsenz für ihre Tochter gehabt hatten. Sie konnte für sich erarbeiten, dass sie beide, Mutter und Kind, Zeit benötigen würden, um eine neue, konstruktive Beziehung zu entwickeln. Entsprechend konnte die Mutter sich darauf einlassen, dass Thea nach dem KiD zunächst eine Zeit lang in einer entsprechenden traumapädagogischen Intensivgruppe leben durfte. Hier erhielten Mutter und Tochter die Gelegenheit, an ihrer Beziehung zu arbeiten, mit dem Ziel, beiden zukünftig ein gelingendes Zusammenleben zu ermöglichen. Thea wurde zudem die pädagogische und therapeutische Unterstützung zuteil, um ihre eigenen Themen zu bearbeiten. Parallel dazu benötigte sie dringend die Zeit und den Raum, um sich aus der destruktiven Umklammerung des Vaters zu lösen. Das half ihr, ihre eigenen ambivalenten Gefühle zuzulassen und die bisher unverbunden nebeneinander bestehenden innerpsychischen Anteile zu integrieren, sowie ihre Persönlichkeit zu füllen und diese wachsen zu lassen.

Tim

Der zehnjährige Tim wurde uns auf Wunsch des Jugendamts direkt von der Kinderstation des nahegelegenen Krankenhauses überwiesen. Tim war durch einen niedergelassen Arzt ins Krankenhaus eingewiesen worden und machte dort widersprüchliche Angaben zur Ursache seines Armbruches. Zusätzlich hatte er diverse massive Wunden in unterschiedlichen Heilungsstadien, Prellungen und Kratzspuren. Nachdem seine Mutter einige Tage später zusammen mit ihrem offensichtlich stark alkoholisierten Lebensgefährten versucht hatte, Tim aus dem Krankenhaus zu holen, wurde ihr das Aufenthaltsbestimmungsrecht entzogen, außerdem stellte das Jugendamt Strafanzeige. Als Tim zu uns ins KiD kam, wirkte er traurig und bedrückt…

Seine Mutter stand für Gespräche nicht zur Verfügung, da sie untergetaucht war. Sein Vater, der sich einige Zeit zuvor von der Mutter getrennt hatte, konnte und wollte keine Informationen zur aktuellen Situation geben. Über die Großmutter bekamen wir schließlich einige Informationen zum innerfamiliären Hintergrund. So wurde deutlich, dass Tim als eigentlich erwünschtes erstes Kind junger Eltern auf die Welt gekommen war, die mit dem Jungen jedoch überfordert zu sein schienen. Für den selbst aus einer lieblosen und durch physische Gewalt und Vernachlässigung geprägten Familie fliehenden jungen Kindsvater standen Frau und Kind für Erlösung und Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Von seiner neuen Situation völlig überfordert reagierte er mit emotionalem Rückzug und Flucht in den Alkohol sowie mit sehr gewährendem Erziehungsverhalten, während sich die durchsetzungsstärkere Kindsmutter genau dadurch alleingelassen und überfordert fühlte.

So war Tim bereits früh auf sich allein gestellt gewesen, hatte nur eingeschränkt emotionale Unterstützung und keinerlei Förderung erhalten. Zudem bekam er viele Streitigkeiten zwischen seinen Eltern mit. Auf die Geburt seiner Schwester reagierte er sichtlich eifersüchtig und vermehrt aggressiv. Die Streitigkeiten zwischen seinen Eltern eskalierten, die Eltern trennten sich und die kleine Schwester wurde von der Mutter zum Vater gebracht. Tim hingegen blieb bei seiner Mutter und ihrem neuen Lebensgefährten. Die Sorgen der Großmutter um Tim wuchsen in den folgenden Monaten, da er ihr oft vernachlässigt schien und unregelmäßig zur Schule ging. Auf die Nachricht, dass Tim im Krankenhaus lag, reagierte sie extrem erschrocken, bestürzt und schuldbewusst. Seine Verletzungen sah sie als Zeichen dafür an, dass er offensichtlich längere Zeit vom Lebensgefährten der Mutter gequält worden sei.

Im KiD erlebten wir Tim zunächst als unfähig, eigene Wünsche zu äußern. Viele seiner emotionalen Regungen wie Wut, Aggression, aber auch Trauer, Sehnsucht und Schmerz schien er nicht steuern zu können und agierte aus seiner Not heraus permanent aggressiv. Alltagssituationen wirkten zudem ängstigend auf ihn. Seine Angst machte ihn hilflos bis depressiv, in manchen Momenten wirkte er sehr in sich gekehrt und verschlossen. Er wollte dann weder reden noch abgelenkt noch aufgemuntert werden, wir spürten wie traurig, verzweifelt und einsam Tim schien. Seine Hilflosigkeit und Ohnmachtsgefühle kompensierte er zeitweilig durch überzogenes Männlichkeitsgebaren.

Sehr traurig und resigniert sprach Tim im Laufe der Diagnostik immer wieder von der schlimmen Zeit nach der Trennung seiner Eltern, als er bei seiner Mutter und deren neuem Lebensgefährten gelebt habe. Es wurde ersichtlich, dass der Lebensgefährte ihn offensichtlich vielfach misshandelt hatte. Unter anderem gab Tim an, mit einem Baseballschläger geschlagen worden zu sein. Im Krankenhaus waren damals auch Spuren von Stichwunden gefunden worden. In Spielsequenzen thematisierte Tim mehrfach in beeindruckender Weise den Kampf von Gut gegen Böse. Er bestätigte, dass er oft an die damaligen Vorfälle denken müsse und dann traurig oder wütend sei. Häufig schien Tim sich jedoch nur undeutlich an seine Vergangenheit erinnern zu können. Belastende und traumatische Erlebnisse hatte er in diesen Phasen in einem diffusen Erinnerungsnebel verdrängt, ebenso aber auch positive Erlebnisse und schöne Erinnerungen.

Über seine Mutter sprach Tim von sich aus nie. Danach gefragt machte er klar, dass er nicht über sie reden wolle, seine Wut und Enttäuschung wurden spürbar. In den hoch sadistischen Misshandlungssituationen durch den Lebensgefährten hatte sich Tim von seiner Mutter unbeschützt und im Stich gelassen gefühlt. Er fragte sich außerdem, welche Schuld er an der erlittenen Gewalt hatte.

Der Vater war für ihn mit großer Sehnsucht nach Familienzugehörigkeit und Geborgenheit verbunden. Dennoch wusste er, wie wenig belastbar der Vater aufgrund seiner eigenen, ebenfalls traumatischen Vorgeschichte war, und schonte ihn dementsprechend. Mit großer Dankbarkeit erlebte Tim die Zeit im KiD und war glücklich über Fürsorge, Achtung und Schutz, die er bei uns erhielt. Er war froh, wenn sein Vater ihn besuchte und auch seine Großeltern, zu denen er eine herzliche Beziehung zu haben schien.

Tim benötigte unserer Einschätzung nach perspektivisch einen stabilen Lebensraum mit Beziehungsangeboten von verlässlichen, transparenten Mitarbeitern, die nicht in Konkurrenz zu seinem Vater traten. Er wurde vom Jugendamt auf unsere Empfehlung hin in einer Behandlungsgruppe untergebracht, die die Arbeit mit ihm wie auch mit seinem Vater leisten konnte. Hier war behutsam und verlässlich das – in der Vergangenheit verletzte – Grundbedürfnis nach Schutz und Sicherheit gewährleistet. Ein Klima von Zuwendung und Vertrauen in einer kleinen überschaubaren Gruppe und eine therapeutisch verstehende Haltung waren nötig, um Tim ein Nachlernen im Umgang mit den eigenen Gefühlen, Bedürfnissen, Wünschen und Ideen zu ermöglichen. Zusätzlich wurde eine begleitende kindertherapeutische Behandlung zur Aufarbeitung seiner Traumata installiert.

Außerdem fand intensive Elternarbeit mit der Aufgabe statt, viel wertschätzende und wohlwollende, aber auch immer wieder respektvoll konfrontierende Unterstützung anzubieten, sodass der Kindsvater seinem traumatisierten Sohn beistehen konnte. Der Vater zeigte so viel echtes Interesse an seinen Kindern, dass er alle Unterstützung, um seine Rolle als allein erziehender Vater neu zu definieren und sich darin zu erproben, gern annahm.

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